Artist in Residence in Artist in Residence


internationale Ausschreibung für Künstler_innen aller Sparten – international scholarship program for artists of all disciplines

Im Zuge meiner erworbenen Künstlerresidenz bei Artmix06, vergebe ich einmalig das zweiwöchige Arbeitsstipendium Artist in Residence in Artist in Residence an eine_n freischaffende_n Künstler_in aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Neue Medien, Installation und Performance.

Zeitraum: 16. – 29. Januar 2012
Ort: KuBa – Kulturzentrum am Eurobahnhof, Saarbrücken
Stipendienhöhe: 500€

Artmix06  ist ein zweiteiliger Künstleraustausch zwischen Luxemburg und Deutschland. Der erste Aufenthalt vier bildender Künstler_innen fand vom 27. Juni bis zum 23. Juli 2011 in der Galerie “Konschthaus beim Engel” in Luxemburg statt. In diesem Zeitraum ist das Konzept für  Artist in Residence in Artist in Residence, der Integration einer Künstlerresidenz in eine schon bestehende Künstlerresidenz entstanden. Vom 9. bis zum 29. Januar 2012 wird der zweite, dreiwöchige Aufenthalt der Künstler in Saarbrücken im KuBa (Kulturzentrum im Eurobahnhof) fortgesetzt. Das Arbeitsstipendium  Artist in Residence in Artist in Residence ist in diesen zweiten Teil der Künstlerresidenz integriert.

Dem Stipendiaten werden Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten in Saarbrücken zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus erhält der Künstler/die Künstlerin eine Pauschale von 500€, Transport- und Aufenthaltskosten inbegriffen. Zusätzliche Kosten für die An- und Abreise, sowie Materialkosten können leider nicht übernommen werden.

Der Aufenthalts- und Arbeitsraum, der dem Stipendiaten/der Stipendiatin während der Residenz zur Verfügung steht, wird sich innerhalb der vorhandenen Ateliers befinden. Der Künstler/die Künstlerin ist Teil der abschließenden Ausstellung von Artmix06 und wird auch in dem zur Ausstellung erscheinenden Katalog publiziert.

Teilnahme:
Zur Teilnahme berechtigt sind Kunstschaffende aller Sparten mit künstlerisch abgeschlossener Berufsausbildung (keine Altersbegrenzung).

Dem Bewerbungsformular (PDF siehe download) sollte beigefügt werden:

- Ein Lebenslauf mit Kurzübersicht zu Ausbildung, Ausstellungen und Projekten
- Beispiele aktueller Arbeiten (Videos bitte auf DVD)
- Kurzbeschreibung der eigenen Arbeit
- Projektvorhaben während des Stipendienaufenthaltes (maximal eine Seite DIN A4)
- Ein ausreichend frankierter und selbst adressierter Rückumschlag

Das Format der Bewerbung sollte DIN A4 nicht überschreiten. Videos bitte auf DVD.

Über die Vergabe entscheidet die Jury, bestehend aus den Teilnehmern von Artmix06, Nathalie Noé Adam, Christoph Rammacher, Alexander Steig und Lena Lieselotte Schuster, sowie Dr. Andreas Bayer (künstlerischer Leiter des KuBas). Die Jury wird ihre Entscheidung im November treffen. Die Entscheidung der Jury ist endgültig und wird nicht begründet.

Einsendeschluss: 30.10.2011 (Poststempel)

Einreichungen bitte an:

KuBa – Kulturzentrum am Eurobahnhof
Stichwort: Artmix06/Artist in Residence
Lützelbachstrasse 1
66113 Saarbrücken

Für weitere Informationen stehe ich gerne zur Verfügung unter: info@lenalieselotteschuster.de oder info@artist-in-residence-in-artist-in-residence.de

 

Shared Service Center: Über Ressourcenoptimierung und konzeptuelle Konsequenz

“Nur ein Buchstabe (..) unterscheidet “Dekonstruktion” vom vertrauteren Begriff “Rekonstruktion”", schreibt Jochen Hörisch (Hörisch, Jochen: Theorieapotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzen fünfzig Jahre, einschliesslich ihrer Risiken und Nebenwirkungen, Suhrkamp, Frankfurt (M) 2010, S.87) zu Beginn seines Artikel über Jacques Derridas Methode, Konstruktionen auf ihre Überzeugungskraft zu untersuchen.Es ist eine erprobte Herangehensweise, etwas zu zerlegen und wieder zusammen zu setzen. Der Einfachheit halber möge man sich einen Wecker denken. Dabei wird offensichtlich, wie Einzelteile und Innenleben mit der sichtbaren Hülle zusammenhängen. Für sich allein birgt keiner der beiden Schritte vergleichbaren Gewinn. Nur das Wissen um die anschließende Rekonstruktion, lässt jedem Detail des Zerlegens höchste Aufmerksamkeit zukommen.

 

Ein Mechanismus und seine Gereiztheiten 

Gleichzeitig gehört eine gewisse Ungerührtheit dazu, in Fällen mit mehr gesellschaftspolitischer Schlagkraft als dem Wecker, den Mechanismus des Zerlegten zu wiederholen, ihn erneut in Gang zu setzen und seine Funktionsweise zu bestätigen. Wer sich wie Santiago Sierra oder Boris Mikhailov seiner (monetären) Macht bedient, um in der Reproduktion repressiver Verhältnisse seine Werke zu begründen, macht sich angreifbar (Santiago Sierra (1961), spanischer Konzeptkünstler, provoziert regelmäßig durch seinen Umgang mit Geld, Macht und Leiharbeit, wie in “250 cm line tattooed on 6 paid people”,1999; Boris Mikhailov (1938), ukrainischer Fotograf u. Künstler, ist bekannt geworden durch seine entblößenden Aufnahmen bezahlter Randständiger und Obdachloser, wie in “Case History”, 1997/98) . Eine ähnliche Nüchternheit hat Lena Lieselotte Schuster an den Tag gelegt in dem Moment, wo sie Ihre eigene Künstlerresidenz, im klassischsten Sinne, im Oktober vergangenen Jahres noch einmal ausgeschrieben hat.

Die 1981 geborene Künstlerin nennt es “Artist in Residence in Artist in Residence”. Es gelten die bekannten Spielregeln: Ausschreibung, Bewerbung, Beurteilung, Auswahl. Noch einmal locken die üblichen Anreize: 14 Tage ohne Unkosten, 500 €, Katalog, Ausstellung, Aufmerksamkeit. Mit geteiltem Budget wiederholt Lena Lieselotte Schuster den Mechanismus Künstlerresidenz und katapultiert sich zusammen mit den drei weiteren Künstlern des Residenzprogramms “Artmix” in die Rolle der Jury. Bereits an diesem Punkt hat der Mechanismus viel von seiner Funktionsweise preisgegeben. Doch zur Wiederholung gesellt sich neben dem hierarchischen Upgrade ein neuer Aspekt: Der vermarktbare, preisgekrönte Künstler teilt sich entzwei. An Stelle prominenter Alleinstellung tritt Teilhabe.

 

Am Rand 

Wir haben uns im Lauf der Zeit daran gewöhnt, dass in der Arbeitswelt das wenigste ist, wie es zu sein scheint. Wer arbeitet, sieht nicht danach aus, wer sich verausgabt, arbeitet nicht,  sondern betreibt sein Hobby. Es sind die gesellschaftlichen Randbereiche, wo sich beides deckt: Wer in seiner Tätigkeit offensichtlich und wiedererkennbar seinen Beruf auslebt, reiht sich ein in Folklore- Erscheinungen – wie Taxifahrer, Künstler oder Bettler (dieses Phänomen taucht im Werk von Lena Lieselotte Schuster immer wieder auf, siehe z.b.: Bettelmania: ein praxisorientierter Selbstversuch, 2010 und Workout (praxisorientierte Installation), 2010). Lena Lieselotte Schuster macht einen Schritt aus der künstlerischen Randständigkeit hin zur ökonomischen Realität.

Arbeitsprozesse in allen Bereichen sind bedingt vom bestmöglichen Ausnutzen gegebener Ressourcen. Dabei gilt das Verhältnis verbrauchter Ressourcen und erzielter Resultate branchenunabhängig als Kriterium um zu entscheiden: Läuft das? Lohnt sich das? Mache ich weiter so? Effizienzsteigerung ist in diesem Sinne  eine schlicht evolutionäre Überlebenstechnik. Gleichzeitig ist höchste Effizienz das unhinterfragbare Ziel ökonomischer Zusammenhänge.

Outsourcing gehört zu den prägenden Begriffen im Wirtschaftsvokabular des letzten Jahrzehnts. Lena Lieselotte Schuster bedient sich dieser betriebswirtschaftlichen Modeerscheinung, die die optimale Nutzung vorhandener Ressourcen verspricht. Zum Verständnis von Outsourcing- Prozessen finden wir auf der Netzseite einer Beratungsfirma: Die Auslagerung bestimmter Prozesse  “in spezialisierte Serviceeinheiten schafft den erforderlichen Freiraum, die strategisch relevanten Funktionen (…) und der ihn unterstützenden Competence Center aufzubauen. “ (Kienbaum Management Consultants: siehe www.kienbaum.de)

 

Resourcen Outsourcen

Wer keine Angst vor Kontrollverlust hat, dem winkt die vielversprechende Konzentration aufs Kerngeschäft. Dass dieses, die Kunst betreffend, nicht zwangsläufig in der Produktion liegt, hat der Konzeptkünstler Lauwrence Weiner in seinen 1969 / 72 veröffentlichten Statements auf den Punkt gebracht :

1. Der Künstler kann die Arbeit realisieren

2. Die Arbeit kann von anderen hergestellt werden

3. Die Arbeit braucht nicht ausgeführt werden

(Harrison, Charles u. Wood, Paul (Hrsg.): Kunsttheorie im 20. Jahrhundert: Künstlerschriften, Kunstkriik, Kunstphilosophie, Manifeste, Statements, Interviews. Für die d. Ausgabe erg. von Sebastian Zeidler (übers.: Jürgen Blasius…), Ostfildern-Ruit: Hatje, (Bnd.1, 2), 1998, S. 1075)

Während Zeitgenossen Weiners (wie Donald Judd mit seinen “Boxes”) die  industrielle Fertigung salonfähig gemacht haben, gingen Künstler der folgenden Jahrzehnte, beispielhaft Martin Kippenberger in seinem Werkzyklus “Lieber Maler, male mir” (1981), noch einen Schritt weiter. Um “Missverständnisse zu vermeiden” überlegte das Auktionshaus Christies 2009, nach der Versteigerung von Martin Kippenbergers Bild “Paris Bar” (1992),  “ob man in Zukunft nicht einfach “dazuschreibt, wer die Aufträge ausführt”" (Siehe dazu ein Bericht des Spiegels Nr., 2009: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,658250,00.html). Es hatte nachträglich Verwirrung gegeben, da sich als ausführender Maler nicht Kippenberger selbst, sondern der  von ihm beauftragte Götz Valien entpuppte. (Dass Christies Einwände des Käufers bezüglich des rekordverdächtigen Kaufpreises befürchtete, wirft Licht auf die allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz einer künstlerischen Praxis, die sich von der unverwechselbaren Handschrift verabschiedet hat.)

Dieses Dilemma umgeht Lena Lieselotte Schuster und verabschiedet sich konsequenterweise im Rahmen von “Artist in Residence in Artist in Residence” von jeglichem Auftragscharakter.

Ein weiteres Resümee aus der Managementliteratur hält fest: “Outsourcing ist grundsätzlich eine sinnvolle Option. Je kleiner das Unternehmen, desto sinnvoller ist es, sämtliche Randprozesse auf Outsourcing zu überprüfen.”
(Deipenbrock, Fremdvergabe und Outsourcing: siehe http://www.diag-mav-muenster.de/Dokumentationen/Altenheimtagung/Deipenbrock, %20Fremdvergabe
%20und%20Outsourcing.pdf) 
Entscheidend ist folglich die Unterscheidung von Kernaufgaben und Randprozessen. Doch was sind mögliche Kernaufgaben und Randprozesse der Kunstproduktion?

Es scheint konzeptuell nur konsequent, sich nicht mit derart grund-legenden Unterscheidungskriterien aufzuhalten. Artist in Residence in Artist in Residence hat sich als Werbemaßnahme höchst wirkungsvoll erwiesen: 1646 Besucher, weltweit, haben der Webseite www.artist-in-residence-in-artist-in-residence.de im Schnitt mehr als eine Minute gewidmet.

Inzwischen läuft  alles seinen gewohnten Gang: Eine französische Bildhauerin, Hélène Juillet (*1985 in Dijon,Frankreich; sie hat bei Richard Deacon, sowie Tadaski Kawamata an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts(ENSBA) in Paris studiert und 2010 mit dem Diplom abgeschlossen; lebt und arbeitet in Courtenot und Paris), konnte die 5köpfige Jury überzeugen. Die 39 weiteren Bewerber haben sehr freundliche Absagen erhalten.

 

Schöpfung und Erschöpfung

Die Erwartungen von Publikum und Institution laufen ins Leere, wenn ein Künstler einmal lieber nichts zeigt. Bleibt er hinter den Kulissen stehen, fällt das Rampenlicht durch die schütteren Stellen des Vorhangs. Die ganze Bühne scheint mit einem Mal sehr staubig.

Doch Lena Lieselotte Schuster zieht sich nicht auf diese Position zurück (die unter anderem dazu führen würde, dass innerhalb kürzester Zeit niemand mehr guckt). Wir erleben stattdessen die Echtzeit-Variante einer der traditionsreichsten Techniken unserer Kulturgeschichte. Das Bild im Bild, erzählt  auf mehreren Ebenen von derselben Sache und stellt im selben Moment seine eigene Fiktionalität zur Schau. In ihrem Auftritt hinter und vor den Kulissen gleichzeitig, unterstützt von state-of-the-art-Fachkompetenz, gelingt Lena Lieselotte Schuster damit ein seltenes Kunststück: Das Zerlegen und wieder Zusammensetzen in einem, die optimale Nutzung eigener Ressourcen, höchste Konzentration und Relevanz bei größtmöglicher Kundenzufriedenheit.

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Mirjam Bayerdörfer

*1984, Vorsitzende des Neuen Saarbrücker Kunstvereins, Masterstudien-gang “Kuratieren” an der HBKsaar, lebt und arbeitet in Saarbrücken und Zürich